New Journeys

New Journeys

Orgel-Improvisationen

Vor 2014 hatte ich nur selten die Gelegenheit, Orgel zu spielen. Abgesehen von zwei einmalig aufgeführten Solo-Orgelwerken und Teilen meines Oratoriums "Erlösungen 3?" saß ich fast nie vor einer Kirchenorgel. Am 11. Juli 2014 habe ich dann aber eine neue Reise begonnen, als ich mit den improvisatorischen Möglichkeiten der Beckerath-Orgel in Herxheim experimentierte. Dieses höchstspontane Erlebnis ist auf einer DVD und einer CD dokumentiert.

Seitdem habe ich die abenteuerliche Reise weitergeführt und entdeckt, dass jedes neue Instrument zu einer neuen Verschmelzung von Klang und Ausdruck führt. Keine zwei Konzerte gleichen sich. Nur der Titel bleibt: "New Journeys" - Neue Reisen.

Chris Jarrett

Spalt in der Tür zu etwas ganz Großem - Der Organist Chris Jarrett polarisiert mit seiner Musik die Zuhörerschaft in der Weilerbacher Kirche

"Eine abenteuerliche Reise waren diese "New Journeys" am Sonntag in der protestantischen Kirche Weilerbach, voller Klippen und Flussschnellen. Mit seinen Orgel-Improvisationen auf der neu renovierten Walcker-Orgel servierte der in der Südpfalz wohnende, ehemalige US-Amerikaner seinen rund 350 Zuhörern wahrhaftig keine leichte Kost. Wer sich aber vor der zeitgenössischen Musik unseres Jahrhunderts nicht fürchtet, war hier bestens bedient.

Nach einem normalen Konzert verlassen die Hörer den Konzertsaal und begeben sich nach Hause. Nicht so nach diesen außergewöhnlichen "Journeys". Viele Menschen standen noch in Grüppchen zusammen und diskutierten über das soeben Gehörte. Chris Jarrett verstand es, seine Hörer zu polarisieren. Manche fanden das Orgelkonzert "Weltklasse", andere wiederum äußerten sich skeptisch, wenige Besucher waren bereits in der Pause gegangen. Der Gefahr war sich Jarrett von vornherein bewusst: Ein Künstler schafft spontan etwas, das durch die Atmosphäre, das Publikum, den Ort, den Raum, das Instrument bestimmt ist.

Von Anfang an ließ der Organist dem Strom seiner Ideen ungehinderten Lauf, um sich im Monolog, der zum Dialog mit sich selbst wurde, freizuspielen. Der Grundzug war widerborstig, zugleich aber mischte sich eine ironische Distanz in den Ton, eine Doppelbödigkeit, die vor allem durch grelle Klangfarben oder durch betont gestische Übertreibungen das Spiel auf die Ebene des Surrealen rückte. Musikalische Verflechtungen und Strukturen äußerster Differenzierung und Komplexität. Feinste Veränderungen der Dichte, der Geräuschhaftigkeit und der Verwebungsart. Einanderdurchstechen und Ineinanderfließen klingender "Flächen und Massen".

Das mag in manchem Hörer eine schockartige Wirkung verursacht haben, die durch die Weite der klangfarblichen Staffelung und Klangflächen erreicht wurde. Jarrett erzielte eine breite Palette differenzierter Clustertechniken, wofür er einen ganzen Katalog von Spielformen entwickelte: Tonvibrato, unterschiedliche Arten des Tremolos. Belebt wurde die innere Struktur auch durch parallele Glissandobewegungen und durch Zitate - wie im zweiten Teil, als er kurz den Bach-Choral "Eine feste Burg" anklingen ließ.

Dabei wandte sich Jarrett vor dem Orgeltisch, beugte sich über das Instrument, drückte die Tasten mit aller Kraft, wobei der Kopf auf und ab nickte. Tempo, Dynamik und harmonische und disharmonische Schichten pulsierten in einem äußerst bedächtigen Überrhythmus. Sie ließen sich treiben, und doch hatte diese Strömung eine klare Richtung, einen emotionalen Mittelpunkt, um den sich alles in immer weiteren Kreisen zu drehen schien. Rotationen, Irritationen, plötzliche wilde Ausbrüche stürzten auf den Hörer ein, wilde Jagden. Der Komponist zog sämtliche Register. Unglaublich, was er aus dieser Orgel alles herauszuholen verstand. Je größer die aufgebaute Spannung wurde, desto spürbarer wurde der Wunsch nach Auflösung. Aber die kam nur in ganz seltenen, lichten Momenten. Dabei zeigte Jarrett, dass er durchaus auch das poetische Moment beherrscht. Leider aber viel zu selten.

Die Spannung war wie ein Strudel, der in gurgelnden Klangfluten alles treibende Gefühl mit sich riss, der eine Gänsehaut nach der anderen quer über den Körper jagte, der sämtliche Emotionen freilegte. Da hüpften die Noten, brauste der Bass auf und füllte den gesamten Kirchenraum dieses großen Gotteshauses. Der Musiker beherrschte alle Gangarten, konnte verwegen über die Tasten fliegen, dabei verwegene Haken schlagen - und das mit vulkanischer Energie. Er verstand es aber auch, sich völlig in Versenkung zu fühlen und dabei die höchste Stufe der Klangsinnlichkeit zu erreichen. Ein Wechselbad der Gefühle, an dessen Ende die Gewissheit stand, dass hier die Tür zu etwas Neuem, etwas ganz Großem ein Stück weit aufgegangen war. Lang anhaltende, begeisterte Ovationen."

Die Rheinpfalz, September 2016