Biographie

Chris Jarrett wurde 1956 in Allentown, Pennsylvania, geboren und wuchs in den östlich davon gelegenen Appalachen auf. Er zweifelte nie daran, dass er Komponist werden würde, doch wirtschaftliche und familiäre Probleme behinderten seine musikalische Ausbildung, bis Virginia Waring (die Ehefrau von Fred Waring) den Dreizehnjährigen mit Vincenz Ruzicka vom Piano-Duo Dougherty und Ruzicka bekannt machte. Ruzicka, ein Schüler von Rosina Lhévinne, war von Österreich in die Poconogebirge gezogen und wurde sein wichtigster Klavierlehrer.

Jarrett setzte seine musikalischen Studien an der Indiana University und am Oberlin Conservatory fort, für das er ein Stipendium erhielt. Doch unzufrieden mit den Rahmenbedingungen und den musikalischen Leitbildern vor Ort beendete er sein Studium. Damit begann nach eigenen Worten seine eigentliche Karriere als kreativer Musiker ("15 Questions with Chris Jarrett"). Jobs auf einem Krabbenkutter, in verschiedenen texanischen Fabriken sowie in New Yorker Büros machten ihn mit den Härten des Arbeitslebens vertraut. Per Anhalter reiste er durch die USA und Europa, immer auf der Suche nach Überlebensmöglichkeiten und Wissen aus erster Hand.

Es war in Norddeutschland, wo ihm Freunde gaben, was er brauchte – einen neuen musikalischen Start und eine Stelle. Kurz darauf ging er an die Universität Oldenburg, zunächst als Student, dann als Lehrer. Zunächst komponierte er kleinere politische Klavierwerke, dann das vollständige Ballett "Für Anne Frank", das 1985 im Schloss Oldenburg uraufgeführt wurde. Jarretts Karriere nahm nach diesem wichtigen Jahr Fahrt auf. Seine ersten LPs waren "Tanz auf dem Vulkan" und "Aufruf/Outcry". Er entwickelte sich zu einer unverkennbaren, kritischen Persönlichkeit im Musikleben Oldenburgs – und zunehmend auch im gesamten deutschen Nordwesten.

   

Von 1985 bis 1990 schrieb Jarrett Filmmusik (unter anderem für "Danton", "Faust" und "Panzerkreuzer Potemkin"), ein symphonisches Ballett ("… Liebt Mich Nicht" – Oldenburgisches Staatstheater, Choreografie: Ingrid Collet) und ein Chordrama ("LP" – Nada Kokotovic). Er tourte als Solist und Komponist durch Mittel- und Osteuropa. In Berlin stellte er gemeinsam mit deutschen Musikern seine ersten "motivischen" Improvisationen vor. Er befreundet sich mit dem österreichischen Dichter und Übersetzer Erich Fried, den er mit seinen eigenen Klavierkompositionen in den Lesungen unmittelbar vor Frieds Tod 1988 begleitet. Besonders hervorzuheben sind die Aufführungen seiner Ballettmusik in der Sowjetunion in 1986 und 1988 (Moskau, Alma-Ata, Mahachkala etc.) und seine intensive Arbeit im damaligen Jugoslawien.

In den frühen 90er Jahren begann Jarrett mit der Komposition seines bislang größten Werks, der Oper "John Donne – eine poetische Oper". Er verließ Norddeutschland und zog ins Rheinland, wo er sich im Raum Koblenz niederließ. Hier vollendete er neue Arbeiten wie das Oratorium "Erlösungen 3?" für Bläser, Orgel und Chor (uraufgeführt in St. Wendel, Saarland) und "Hände", eine Komposition zu einer Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Als neue CDs entstanden "Fire" und "Live in Tübingen". Außerdem fand er Zeit für Aufnahmen mit dem bekannten ungarischen Geiger Zoltán Lantos und unternahm eine äußerst erfolgreiche Solo-Tournee durch die Ukraine, wo er unter anderem in der Philharmonie Kiew spielte. In dieser Zeit arbeitete er mit Kollegen wie Ramesh Shotham, Urna Chahar Tugchi, Ralf Siedhoff, Dorsaf, Dhafer Youssef, und Muhammed Zine-el-Abidine zusammen. Chris Jarretts Interesse an den Musikkulturen verschiedener Länder war immer intensiv gewesen, in den 90er Jahren blühte es auf und führte ihn auf Tourneen nach Tunesien und in das nördliche Afrika.

In 2001/2002 tourte Jarrett durch Polen, Deutschland, Serbien und Frankreich. Außerdem gründete er das Chris Jarrett Trio mit Karim Othmann Hassan (Oud) und Shakir Ertek (Schlagzeug). Gemeinsam mit Künstlern wie Wolfgang Dauner und D.R. Davies spielte das Trio im April 2003 zur Eröffnung des Theaterhauses Stuttgart. In diesem Jahr feierte auch Shakespeares "Romeo und Julia" am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf Premiere, eine Inszenierung von Guido Schumacher mit Bühnenmusik von Chris Jarrett. Während einer Solo-Tournee durch Serbien spielte Jarrett in der neu eröffneten Kolarac-Halle in Belgrad (der "Carnegie Hall des Balkans"), wo er mit stürmischem Applaus gefeiert wurde. Es entstanden die Solo- CDs "Scenes and Preludes" und "Short Stories for Piano" (Edition Musikat, Stuttgart). Musik des Chris Jarrett Trios erschien auf der CD "New World Music" (Edition Musikat, Stuttgart).

Die "Suite Grecque", eine Komposition für zwei Klaviere, Klarinette und Percussion, erfuhr ihre ersten Aufführungen 2004 in Athen, Theben und Alexandroupolis. Jarrett setzte seine Karriere als Filmkomponist mit der Musik zu Karl-Heinz Heiligs "Geträumtes Leben, Gelebter Traum" fort und wurde von der Oper Kairo zu einer Aufführung der "Suite Grecque" eingeladen.

   

Anfang 2005 erblickte eine neue Formation mit ganz eigenem Sound das Licht der Welt: "Four Free", ein "Kammer-Hardcore-Ensemble" mit drei der talentiertesten französischen Improvisationskünstlern: Adrien Dennefeld (E-Gitarre), Jérôme Fohrer (Kontrabass) und Pascal Gully (Schlagzeug). Im selben Jahr entstand "Viertelfinale", ein Stück für elf Streicher und Dirigent/Schiedsrichter, das eigens für die Fußball-WM 2006 komponiert wurde und typische Fußballszenen auf humorvolle Weise mit zeitgenössischer Musik verbindet.

Abgesehen von einigen Konzerten in Deutschland und den USA (New York City und Maryland) unterbrach 2006 die Geburt seines Sohnes Ivan Shaoki das Schaffen Jarretts. Doch seine neue Rolle als Vater in Paris war ebenso inspirierend wie kompliziert, und in 2008 setzte er seine Arbeit mit neuem Elan fort. 2009 spielte die virtuose Akkordionistin Jelena Milojevic Werke von Chris Jarrett in Weil Hall, Carnegie Hall, New York. Das Klavierstück "The Simmer" widmete er seinem Sohn.

In den folgenden intensiven Jahren entstanden neue Projekte: Duos mit dem türkischen Saz-Spieler und Komponisten Ismail Türker, ein Eisler-Tucholsky-Programm mit der Wagnersporanistin Jayne Casselmann, eine musikalische Satire über Jaques Offenbach (eine Auftragsarbeit für das Offenbach-Festival Bad Ems) und die Entwicklung eines neuartigen Unterrichtskurses zur Musikgeschichte. Im Jahr 2010 erschien die CD "Wax Cabinet" seiner Gruppe "Four Free" bei Edition Collage München. Jarrett tourte durch Kanada, Österreich, Kroatien und Deutschland, wo er seitdem wieder lebt. In 2012 führte ihn eine bemerkenswerte Solo-Tournee durch die slowenischen Regionen Prekmurje und Apasko Polje. In der Heimat seiner Vorfahren hält er bis heute engen Kontakt zu Familie und Freunden.

2013 erweiterten sich Chris Jarretts Lehrtätigkeiten um Workshops zur Klavierimprovisation. Er widmete sich wieder der Komposition neuer Klavierwerke, die regelmäßig von seiner Frau, der Konzertpianistin Martina Cukrov Jarrett, aufgeführt werden. Er produzierte eine neue CD mit Geschichten der russischen Autorin Ludmilla Petroschevskaya (gelesen von Julius Pischl) und begann 2014 gemeinsam mit dem bekannten italienischen Violinisten Luca Ciarla eine ganz neue musikalische Reise. Ein neues Kapitel in Jarretts Karriere war seine erste CD mit Orgelmusik: "New Journeys" - organ improvisations by Chris Jarrett (Atrius Records). Weiterhin spielte er die Uraufführungen der Auftragskompositionen "Hommage a Mozart" und "Rondo a la Wolferl" der Mozartgesellschaft in Rovereto, Italien. 2014 und 2015 führen ihn Konzerttouren mit Luca Ciarla und auch als Solist um den Globus nach Italien, Frankreich, Australien, Indonesien und Singapur. Die neue CD "Offshots" des Quartetts "Four Free" erscheint 2016.

2017 entsteht das neue Duo-Projekt mit dem deutschen Schlagzeuger und Perkussionist Erwin Ditzner: "Variationen für Klavier und Schlagzeug". Im November des Jahres erscheint eine neue Piano-Solo-CD bei Centaur Records, Louisiana, unter dem Titel "Tales of our Times". Jarretts Orgelimprovisationen finden immer mehr Anklang und er konzertiert auch in Freiberg auf einem der großartigsten Instrumente der Welt - auf der Silbermann-Orgel der Petrikirche.

Chris Jarrett verwendet Strukturen klassischer Musik und nutzt die Freiheit der Jazz-Improvisation. Er verbindet sein sicheres Gespür für Form mit der Spontaneität des Jazz. In seiner Musik kann man die Einflüsse von Komponisten wie Johannes Ockeghem, Sergej Prokofjew, Charles Mingus und Frank Zappa hören.

"Chris Jarretts Musik hört man nicht einfach, man erfährt sie, fühlt sie, absorbiert und assimiliert sie. Kompositionen voller Schönheit, Kraft und feinfühlige Themen aus strukturierter Improvisation und Jazz. Dazu noch klassische Kompositionen, Orchesterwerke, Ballett und Musik für Kinoklassiker, die den Kontext des Films in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Er bezieht ein sehr breites Spektrum an Einflüssen mit ein: in sich geschlossenes Chaos, fließende Strukturen, die von klassischen Themen getragen und aus den Quellen orchestraler Musik, Jazz, europäischer Volksmusik und reiner Hingabe gespeist werden. Seine Musik ist eine Naturgewalt und ein Akt der Gnade."
Chris Stewart